Was die Branche prägt
Der öffentliche Sektor ist keine Branche im klassischen Sinn — sondern ein föderal verflochtenes Netzwerk aus Bund, 16 Ländern und rund 11.000 Kommunen, mit eigenen Zuständigkeiten, eigenen Gesetzen und eigenen IT-Landschaften. Standard-Architekturen kollidieren regelmäßig mit dieser Vielfalt.
Akteure sind Bundes- und Landesbehörden, kommunale Verwaltungen und ihre IT-Dienstleister (AKDB, ekom21, KDO, Dataport, ITZBund und weitere), getragen von gemeinsamen Bausteinen wie der BUND ID, FIM, OZG-Hub und sektorspezifischen Plattformen wie XÖV oder XPlanung. Mehr als 6.000 unterschiedliche Fachverfahren sind bundesweit im Einsatz — von der Einwohnerdatei über das Gewerberegister bis zur Grundsteuer-Software.
Rechtsrahmen: OZG (Onlinezugangsgesetz, jetzt OZG-Änderungsgesetz/OZG 2.0), EGovG, BGG/BITV (Barrierefreiheit), DSGVO und Landesdatenschutzgesetze, eIDAS, KRITIS-Vorgaben für besonders relevante Verwaltungen. Beschaffung läuft über UfAB-Vergabeunterlagen, EVB-IT-Verträge, das Vergaberecht (VgV/UVgO) — eigene Welt mit eigener Geschwindigkeit.
Bund
Bundesministerien, nachgeordnete Behörden, ITZBund — IT-Konsolidierung mit Budget und langem Atem.
Länder
16 Bundesländer mit eigenen Verwaltungsgesetzen und IT-Strategien — kein einheitlicher Standard.
Kommunen
~11.000 Städte und Gemeinden, betreut von kommunalen IT-Dienstleistern — die operative Front der Digitalisierung.
Fachverfahren
Über 6.000 Anwendungen mit eigenen Datenmodellen und Lebenszyklen — selten austauschbar.
Aktuelle Herausforderungen
Die Verwaltungsdigitalisierung in Deutschland steht seit Jahren in den Schlagzeilen — und das nicht ohne Grund. Zentrale Bauchstellen halten parallel an, mit jeweils eigener Geschwindigkeit.
OZG-Umsetzung. Rund 575 Verwaltungsleistungen sollen bundesweit digital verfügbar sein. Der Stand variiert stark: einige Leistungen sind in einigen Bundesländern komplett digital, in anderen kaum begonnen. Das OZG-Änderungsgesetz hat 2024 nachjustiert — Verbindlichkeit, Endgeräte-Tauglichkeit, Nachweisabruf — aber das operative Umsetzen bleibt Sache der jeweiligen Länder und Kommunen.
BUND ID als föderaler Identity Provider. Bürger:innen sollen sich mit einem Konto bei jeder Behörde authentifizieren können. Anbindung erfolgt über SAML oder OpenID Connect (mehr dazu auf unserer IAM-Seite). Vertrauensniveaus nach eIDAS — niedrig, substanziell, hoch — entscheiden, welche Leistung mit welcher Identität nutzbar ist.
FIM-Methoden und Datenstandards. FIM (Föderales Informationsmanagement) modelliert Leistungen, Datenfelder und Prozesse einheitlich — eine gemeinsame Sprache, an der lange gearbeitet wurde und die jetzt in Antragsstrecken und Fachverfahren landen muss. XÖV-Standards für den Datenaustausch zwischen Verwaltungen kommen hinzu.
Barrierefreiheit. BITV 2.0 verlangt WCAG 2.1 AA als Minimum für alle öffentlich zugänglichen Webangebote. Tastaturbedienbarkeit, Screenreader-Tauglichkeit, Kontrast, Sprachausgabe — kein nachträgliches Add-on, sondern Architekturentscheidung von Anfang an.
Personalmangel und lange Lebenszyklen. Sachbearbeiter:innen sind keine IT-Profis — Software muss bedienbar sein, ohne Schulung zu erzwingen. Gleichzeitig leben Verwaltungssysteme 10–20 Jahre. Neue Lösungen müssen für diesen Horizont gebaut sein, nicht für ein Jahr.
Beschaffungsprozesse. EVB-IT-Verträge, UfAB, Vergaberecht — Beschaffung dauert Monate, manchmal Jahre. Software muss zur Vergabe-Beschreibung passen, in EVB-IT-Vertragsmuster gegossen werden und auch noch ausschreibungsfähig sein.
Warum maßgeschneiderte Software
Plattform-Bausteine wie BUND ID, OZG-Hub und Servicekonten lösen einen Teil der föderalen Komplexität — aber nicht das Fachverfahren selbst, nicht den kommunalen Antragsprozess, nicht die Eigenheiten einer Landesverwaltung. Genau dort beginnt individuelle Software.
Föderale Eigenheiten sind nicht Beiwerk, sondern Strukturprinzip: jede Kommune hat andere interne Prozesse, jedes Bundesland andere Gesetzeslagen, jede Behörde andere Datenbestände. „Eine Lösung für alle" funktioniert auf der Plattform-Ebene — nicht auf der Fachverfahrens-Ebene. Ein Bauantragsportal in einer 8.000-Einwohner-Kommune hat andere Anforderungen als das einer Großstadt mit eigenem Bauamt.
Konkrete Beispiele für individuelle Bausteine, die wir bauen oder gebaut haben:
- OZG-Antragsstrecken: barrierefrei, BUND-ID-fähig, FIM-konform, mit Anbindung ans Fachverfahren — modular, sodass eine Kommune Bausteine austauschen kann.
- Kommunale Bürgerportale: ein Eingang für alle digitalen Leistungen, mit Mein-Konto, Vorgangsverfolgung, Push-Benachrichtigungen.
- KI-Agenten für Bürgertelefonie: CityAI als unsere produktnahe Antwort — mit MCP-Anbindung an Fachverfahren (siehe CityAI und Agenten-basierte Systeme).
- Automatisierte Genehmigungspfade: Workflow-Engine mit FIM-modellierten Prozessen, Eskalation an Sachbearbeiter:innen bei Bedarf, vollständiger Audit-Spur.
- Migrations-Werkzeuge: bei Wechsel des Fachverfahrens — Datenanreicherung, Mapping, Validierung.
Unsere Position: wir bauen die Anwendungen, die Standard-Plattformen nicht abdecken — schlank, dokumentiert, betreibbar von kommunalen IT-Dienstleistern und vergaberechtlich beschreibbar. Die Tiefe für OZG, FIM, BITV und EVB-IT bringen wir mit; die Verwaltungslogik bleibt die unserer Auftraggeber.